Vitamin D gehört zu den fettlöslichen Vitaminen und Hormonen und spielt eine wichtige Rolle für viele Abläufe im menschlichen Körper, zum Beispiel den Knochenstoffwechsel.1,2 Im Gegensatz zu anderen Vitaminen kann es der Körper selbst bilden – mithilfe von Sonneneinstrahlung. Ein geringer Anteil wird auch über die Nahrung aufgenommen1 Damit der Körper Vitamin D verwenden kann, benötigt er die aktive Form des Vitamins. Für die Produktion sind unter anderem die Nieren zuständig. Sind sie erkrankt, können sie jedoch aktives Vitamin D nicht mehr ausreichend bilden. Es kommt zu einem Vitamin-D-Mangel.2 Ein Mangel an Vitamin D kann schwerwiegende Folgen haben, er lässt sich aber ausgleichen. Hier erfahren Sie mehr über die Symptome eines Vitamin-D-Mangels und was Sie gegen einen Mangel tun können.
Der Zusammenhang zwischen Vitamin D und den Nieren
Um den Zusammenhang zwischen den Nieren und Vitamin D zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die sogenannte Vitamin-D-Synthese. Damit wird der Prozess bezeichnet, der im Körper abläuft, um die aktive Form des Vitamins zu bilden. Wichtig zu wissen: Der Körper kann Vorstufen von Vitamin D in der Haut mithilfe von UV-B-Strahlung (ultraviolettes Licht, das von der Sonne ausgeht) selbst bilden und zudem über die Nahrung aufnehmen.1 Diese Vitamin D2 und D3 genannten Vorstufen werden im Körper an ein Eiweiß gebunden und zur Leber transportiert. In der Leber werden Vitamin D2 und D3 in Calcidiol umgewandelt, das wiederum über den Blutstrom zu den Nieren gelangt. Dort kommt es zu einer weiteren Reaktion und es entsteht Calcitriol, die aktive Form des Vitamin D.2,3
Die Umwandlung von Calcidiol zu Calcitriol in den Nieren wird von einem bestimmten Eiweiß gesteuert, einem Enzym. Dieses Enzym kann von weiteren Faktoren beeinflusst werden, die es entweder aktivieren oder hemmen. Kommt es zu einer Aktivierung des Enzyms, können die Nieren die für den Körper benötigte Form von Vitamin D bilden.2,3 Zusammengefasst bedeutet das: Die Nieren sind dafür verantwortlich, das inaktive Vitamin D in seine wirksame, aktive Form umzuwandeln – erst dadurch kann Vitamin D seine wichtigen Aufgaben im Körper erfüllen.
Ursachen des Vitamin-D-Mangels bei Nierenerkrankungen
Da bei vielen Menschen mit chronischen Nierenerkrankungen insgesamt weniger Nierenmasse vorhanden ist, nehmen die Nieren eine geringere Menge der Vitamin-D-Vorstufen auf und wandeln sie in aktives Vitamin D um. Bei Menschen mit chronisch eingeschränkter Nierenfunktion kommt es daher in der Regel zu einem Vitamin-D-Mangel.4 Wichtig: Ist zu wenig Vitamin D vorhanden, geraten mehrere eingespielte Prozesse im Körper aus dem Gleichgewicht, die von dem Vitamin abhängig sind. Daher hat der Mangel von Vitamin D vielfältige Auswirkungen.2,5
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Auswirkungen von Vitamin-D-Mangel infolge von chronischen Nierenerkrankungen
Vitamin D erfüllt im Körper viele wichtige Funktionen. Es wird zum Beispiel benötigt, um Kalzium aus dem Darm aufzunehmen und in die Knochen einzubauen.6 Daher entsteht aufgrund des Vitamin-D-Mangels häufig ein Kalziummangel, auch Hypokalzämie genannt.7 Auf Dauer führt ein Mangel an Kalzium zu einer geringen Knochendichte und erhöht damit das Risiko für Osteoporose (Knochenschwund).7 Darüber hinaus gerät über verschiedene Prozesse auch der Phosphatspiegel aus dem Gleichgewicht und steigt, Mediziner*innen sprechen von einer Hyperphosphatämie.8 Wenn wenig Kalzium und viel Phosphat vorhanden sind, dient das als Warnsignal für den Körper. Das heißt: Der Organismus merkt, dass zu wenig aktives Vitamin D vorhanden ist, und versucht dies auszugleichen. Als Folge schüttet der Körper das Parathormon (PTH) aus, das wiederum die Herstellung von Vitamin D anregt.2,5
Da bei Menschen mit chronischen Nierenerkrankungen jedoch die Vitamin-D-Synthese gestört ist, wird dem Körper immer wieder signalisiert, dass zu wenig Vitamin D vorhanden ist. Daher werden dauerhaft hohe Mengen des Hormons PTH in der Nebenschilddrüse produziert und ausgeschüttet.8 Ein andauernd hoher PTH-Spiegel kann den sogenannten sekundären Hyperparathyreoidismus (SHPT) hervorrufen. Dabei kommt es zu Störungen im Mineralstoffwechsel und Knochenumbau sowie zur Verkalkung von Gefäßen und Geweben.8 Patient*innen mit sekundärem Hyperparathyreoidismus sind häufig von Knochen- und Muskelschmerzen betroffenen. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Knochenbrüche.8
Die Produktion von Vitamin D ist ein Regelkreis, indem viele Stoffe sich gegenseitig beeinflussen können. Wenn zu wenig eines Stoffes vorhanden ist, signalisiert dies dem Körper, dass mehr produziert werden muss. Liegt jedoch eine Erkrankung vor, kann der Mangel nicht ausgeglichen werden und das System kommt aus dem Gleichgewicht.
Vitamin-D-Mangel bei Kindern
Bei Kindern mit einer eingeschränkten Nierenfunktion, auch Nierenschwäche oder Niereninsuffizienz genannt, birgt ein Mangel an Vitamin D ein zusätzliches Risiko: Da sie sich noch im Wachstum befinden, haben Kinder einen deutlich höheren Bedarf an Kalzium. Wenn die Knochen nicht ausreichend mit Kalzium versorgt werden, weil Vitamin D fehlt, kommt es zu einer unzureichenden Mineralisierung und die Knochen verformen sich. Fachleute sprechen von einer renalen Rachitis.1,4
Diagnose und Behandlung von Vitamin-D-Mangel bei Nierenerkrankungen
Ärzt*innen untersuchen Patient*innen mit chronischen Nierenerkrankungen in fortgeschrittenen Stadien regelmäßig auf einen Vitamin-D-Mangel. Von einem Mangel sprechen Fachleute, wenn der Blutwert von Calcidiol unter 15 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) sinkt.9 Außerdem behalten Mediziner*innen die Veränderungen von Phosphat, Kalzium sowie des Hormons PTH im Blick. Denn: Sie stehen eng im Zusammenhang mit dem Vitamin-D-Wert.10 Haben die Untersuchungen einen Vitamin-D-Mangel ergeben, können Mediziner*innen eine aktive Vitamin-D-Form empfehlen. Dafür kommt entweder das auch im Körper vorkommende Calcitriol zur Anwendung oder die Formen Alfacalcidol und Paricalcitol, die die Wirkung des Calcitriols nachahmen.10
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Calcitriol wird zum Beispiel in Form von Kapseln und einer Lösung zum Einnehmen angeboten.11 Wichtig ist: Die Einnahme von aktivem Vitamin D muss von Fachpersonal überwacht werden, da sich Vitamin D leicht überdosieren lässt.4 Bei einer Überdosierung von Vitamin D kommt es zu einem erhöhten Kalziumspiegel, der sich in Symptomen wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfen und Erbrechen äußert. In besonders schweren Fällen kann eine Überdosierung zu Nierenschädigung, Herzrhythmusstörungen, Bewusstlosigkeit und zum Tod führen.12
Welche Vitamine sind gut für die Niere?
Nierenkranke fragen sich mitunter, ob sie Vitamine zuführen sollten. Der Hintergrund: Leben Menschen mit einer chronischen Nierenerkrankung oder werden sie mit einer Dialyse behandelt, kann es sein, dass der Körper Nährstoffe nicht mehr richtig aufnimmt oder herstellt. Daher erhalten Betroffene möglicherweise nicht alle Vitamine, die sie täglich benötigen. Sie müssen dann einige dieser Vitamine in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zu sich nehmen – wie etwa Vitamin D. Eine pauschale Empfehlung gibt es aber nicht. Betroffene sollten immer erst ärztlichen Rat einholen, bevor sie zu derartigen Mitteln mit zugesetzten Vitaminen greifen. Mediziner*innen können anhand der Krankengeschichte und mithilfe von Blutuntersuchungen herauszufinden, welche Vitamine gegebenenfalls benötigt werden.
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Quellen
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